Entzauberung – wann, wie, mit wem?
Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028
30. März 2028. Erste Orchesterprobe. Noch ohne Chor. Die Musikerinnen und Musiker kommen zusammen, tolle Profis des Barockorchesters Elbipolis. Viele kenne ich seit Jahren, andere sehe ich zum ersten Mal. Erstes Stück laut Probenplan: "So ist mein Jesus nun gefangen". Und plötzlich ist da keine Braun Audio 308 mehr. Es ist vor allem: nicht viel Zeit. Sechs Stunden Probenzeit für zweieinhalb Stunden Musik. Das bedeutet, dass man jedes Stück im Prinzip zweimal durchspielen kann, dann muss es konzertreif sein. Nach zwei Takten ist allerdings schon wieder Schluss. Berechtigte Fragen aus dem Orchester: Wie lange will ich die Seufzervorhalte in den Flöten und Oboen gespielt haben? Wie laut soll die Begleitung der Bratschen und Geigen sein? In der Partitur steht un poco p, "ein bisschen leise" - wie viel ist ein bisschen in der Akustik der Christianskirche? Und wie lang oder kurz sollen die Töne sein, eher breit oder eher gestoßen? Das will und muss das Orchester wissen. Was unter dem Kopfhörer ein einziger großer musikalischer Moment war, wird plötzlich in lauter kleine Entscheidungen zerlegt. Aus Trauer, Wut und Schönheit werden vier einfache Dinge: lauter oder leiser, länger oder kürzer, schneller oder langsamer, höher oder tiefer. Das kann man dem Orchester sagen, so habe ich es im Dirigierunterricht gelernt.
Der Chor besteht aus begeisterten Amateuren, sehr viele ohne Chorerfahrung. Was das Orchester in sechs Stunden regelt, haben die Sängerinnen und Sänger über zwei Jahre erarbeitet. Auch hier hilft meine eigene Begeisterung eher wenig. Sie kann faszinierend sein, gerade für Menschen, die der Matthäuspassion zum ersten Mal begegnen. Aber sie kann sie auch überfordern. Denn bevor wir über die großen Gefühle reden, muss erst einmal der Atem funktionieren. Dafür muss die Grundstimmung gut sein. Dann wird es präzise: Rhythmus und Metrum müssen stabil sein. Das ist weniger Feeling und mehr Bruchrechnung: In eine ganze Note passen vier Viertel und sechzehn Sechzehntel, sonst fliegen wir auseinander. Der Kammerton liegt bei 440 Hertz und nicht bei 439, sonst wird es sehr schnell schräg. Die komplexe Aufgabe: aktiv singen, gleichzeitig aufeinander hören und sehr genau auf die Zeichen des Dirigenten achten. Volle Vitalität und volle Selbstkontrolle. Am Klavier und mit der eigenen Stimme übe ich das seit Jahrzehnten. Immer wieder, Tag für Tag. Aber der Chor ist kein Instrument. Er besteht aus Menschen. Menschen mit Erfahrungen, Erwartungen, Geschichten und Befindlichkeiten. Einer der wichtigsten Sätze für meinen Beruf stammt von Leonard Bernstein: "I love music and I love people." Er ist nach wie vor mein Credo. Aber nach dreißig Jahren Chorleiterkarriere weiß ich inzwischen, dass der zweite Teil nicht unbedingt der einfachere ist. Das sind Fragen, die einen nicht verzaubern. Sie entzaubern.

Das Profi-Orchester besteht auch aus Menschen, trotzdem ist die Ausgangslage etwas anders. Es hat das Werk zehnmal öfter gespielt, als ich es gesungen habe. Und hundertmal öfter, als ich es dirigiert habe, nämlich noch nie. Für sie ist es Heimspiel, für mich auf dieser Position Neuland. Sie kommen mit eingerichteten Noten, mit Stricharten, Lautstärkebezeichnungen und Erfahrungswerten. Mit dem Chor kann ich mitlernen, beim Orchester muss ich aus dem Stand funktionieren und klare Vorstellungen haben. Gleichzeitig weiß ich, wie sehr ich von der Kompetenz der Menschen lebe, die vor mir sitzen und im Gegensatz zu mir Klänge produzieren. Die darf ich zuallererst mal nicht bei der Arbeit stören. Sie haben schon etliche Dirigenten scheitern sehen und mit anderen große Momente erlebt, ich bin da eine Durchgangsstation. Sie sind oft genervt von den Mühlen der Institution und haben gleichzeitig einen noch nicht versiegten Spieltrieb. So wie ich. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Ich habe selbst lange in der professionellen Gächinger Kantorei Stuttgart unter Hellmuth Rilling gesungen und in Dirigierkursen oft erlebt, wie man als Sänger auf jemanden schaut, der vorne am Pult steht. Dreißig Sekunden reichen manchmal, dann steht die Entscheidung: Schaumschläger oder spannende Type? Lahme Ente oder Energiequelle? Drei Stunden Langeweile und Zähneknirschen, oder drei Stunden neue Inspiration? Und dann fängt man ziemlich schnell an, innerlich einen Papierflieger zu bauen. Oder man richtet sich ein ganz kleines bisschen im Stuhl auf. Hop oder top. Ensembles können allemal auch nicht nett sein, ich war oft genug mittendrin. Heute bin ich der, der vorne steht.
Wenn man genauer hinschaut, merkt man erst, wie viele Zutaten in so einem Projekt zusammenkommen. Dirigieren heißt zuallererst mal: viel, viel Verantwortung tragen. Oder wie Herbert von Karajan sagte: "5 Prozent Inspiration und 95 Prozent Transpiration". Und ganz ehrlich: eigentlich habe ich das Dirigieren noch nie wirklich gemocht. Ich bin eher der musikalische Instinktfußballer, nicht der Taktikexperte. Am stärksten bin ich, wenn ich mit geschlossenen Augen am Klavier singen kann. An "meinem" Flügel in der Christianskirche, meiner "Braun Audio 308" bis heute. Mit jeder Faser "inside" und selber dicht am Klang, statt mucksmäuschenstill und "outside" mit den Händen die Luft zu zerteilen.
In den Minuten, bevor ich in der ersten Orchesterprobe aufs Pult steige, denke ich: der Laden muss auseinanderfliegen. Und er wird auseinanderfliegen, ich jedenfalls kann ihn nicht zusammenhalten. Bisher ist es auf wundersame Weise immer anders gekommen. Und mittlerweile weiß ich auch genau, was das alles zusammenhält und das Unmögliche möglich macht - frei nach Bill Clinton: It's the music, stupid! Warum und wie diese Musik uns berührt, hat immer auch mit uns zu tun. Das ist an diesem Tag der Generalprobe bei allen so, ob Amateur oder Profi. Bevor ich an diesem Tag das Pult betrete, werde ich deshalb gegen die Beklommenheit einige meiner eigenen Berührungspunkte an mir vorbeiziehen lassen, mein "inside". Der erste führt 1984 auf die Jugendburg Ludwigstein im Werratal. Mehr davon am nächsten Freitag.
