Vokalwerk Christianskirche

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Kommt ihr Töchter, helft mir klagen.

6. November 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 9
Von Igor Zeller

Juni 1983, Offenbach am Main. Ich bin 15 und auf dem Weg zum Orgelunterricht, Ecke Marktplatz/Bieberer Straße. An der Einmündung ein Menschenauflauf. Ich muss direkt daran vorbei und sehe durch die Menge: ein Verkehrsunfall. Auf dem Rücken liegt eine blutende, bleiche Frau, weinend, von Zeit zu Zeit schreiend. Um sie herum vier oder fünf Menschen, die ihr helfen wollen. Was ist richtig: Seitenlage? Schocklage? Etwa zehn Meter entfernt liegt ein Mofa auf dem Boden, der Fahrer hockt direkt daneben, von Zeit zu Zeit schüttelt er den Kopf. Der Helm ist noch drauf, aber sogar durch das Visier ist erkennbar: auch er ist bleich. Bei ihm ist nur ein Mann, der ihm kurz die Hand auf die Schulter legt, fragt, ob alles OK ist. Im dichten Ring der Umstehenden wird diskutiert: Was ist passiert? Das Mofa kam echt ziemlich schnell um die Ecke, bestimmt frisiert. Aber die Frau ging auch über rot, hat nicht auf die Straße geschaut. Eine Schwerverletzte – und wer ist nun schuld? Ein Krankenwagen kommt mit Sirene herangefahren, die Sanitäterinnen sind stinksauer auf die Gaffer. Gaffen will ich nicht – aber Wegsehen geht auch nicht. Ich gehe schnell weiter.

Vermutlich April 33, Jerusalem. Ein Mensch auf dem Weg zur Hinrichtung. Schwerverletzt, blutend. Kein Unfall, sondern gewollt. Er trägt ein Kreuz. Menschen über Menschen am Weg, wegsehen geht nicht, gaffen ist hier aber vermutlich okay. Oder sogar gewollt.

Winter 1726/27, Leipzig. Christian Friedrich Henrici, Künstlername "Picander", Alter 27, sucht nach einer Eröffnung für eine große Passionsmusik. Auf Bitten des Thomaskantors soll er die Texte zusammenstellen und teilweise selber schreiben. Er ist Jurist und stammt aus einem ziemlich mittellosen Elternhaus. Sein Studium hat er sich mit Gelegenheitsdichtungen finanziert, gerne auch zu Hochzeiten, gerne auch mit erotischem Inhalt. Die Kritiker rümpfen die Nase über den Pop-Poeten, das Publikum in den neuartigen Leipziger Kaffeehäusern liebt ihn. Seine Idee für den Beginn der Passion nach Matthäus: Die "Tochter Zion" tritt auf, eine Frauengestalt, später bekannt und beliebt durch manche Weihnachts-CD. Sie steht für Jerusalem und das jüdische Volk. Hier hat sie keine Weihnachtsmütze auf. Sie ruft die gläubigen Seelen zu dem schrecklichen Geschehen von Jerusalem zusammen. Die Gläubigen werden vertreten durch andere Töchter, die Picander aus dem alttestamentlichen Hohelied Salomos entnommen hat. Es ist eine tief sinnliche Dichtung mitten in der Bibel, bisweilen erotisch. Es erzählt vom Bräutigam und seiner Geliebten.

5. Januar 2026, vor dem Weihnachtsbaum. Mir fällt als Dirigent zum ersten Mal etwas auf, was ich als Sänger zig Male übersungen habe: eine Tochter ruft die anderen Töchter – und wer setzt bei Bach ein? Richtig, die Thomaner, ein Knaben- und Männerchor. Das ist ja nun nicht ganz untypisch für die Kirchengeschichte. Schon 33 haben die Frauen in Jerusalem die Nachricht vom leeren Grab und der Auferstehung hinausgerufen. Und das konnten auch nur sie, weil eben nur sie beim Schwerverletzten und in der Grabkammer des Todes ausgehalten hatten. Ihr Ausruf am Ostermorgen: Kommt! Sehet! Wer aber hat nach diesem Ausruf die Erzählung ganz schnell wieder übernommen? Exakt. Die, die nicht geblieben waren. Der Männerchor.

    Picander wollte, dass eine Tochter die anderen Töchter ruft. Bach hatte nur Männer. Picander, der Hochzeitsdichter, wollte zu Beginn eine Soloarie. Bach, der Chorleiter, wollte den großen Chor. Aber er wollte auch unbedingt das innige, sinnliche Geschehen in der Frage und Antwort einer Liebesbeziehung. Als Musiker kann man sich das nicht entgehen lassen, selbst wenn man einen Männerchor leitet: "Sehet!" – "Wen?!" – "Den Bräutigam!!".

    Und ich? Ich wollte damals am Marktplatz in Offenbach nicht gaffen und bin schnell weitergegangen. Das war klug – nur konnte ich halt auch nicht sehen. Und musste diesen beiden Menschen am Boden fremd bleiben, die ein schreckliches Geschehen in eine unerwartete Beziehung gezwungen hat. In der Matthäuspassion jetzt vor dem Weihnachtsbaum stehe ich keinem RTW im Weg. Im Gegenteil: Ich werde als Gefährtin zum Ort des Geschehens gerufen. Von derselben Tochter Zion, die sich eben noch so gefreut hat. Bin dabei, als am Beginn des zweiten Teils die anderen Töchter wiederkehren und in Gestalt von Chor 2 die Alt-Solistin fragen: "Wo ist denn dein Freund hingegangen, o du Schönste unter den Frauen?" Auch bei diesem Gespräch unter Frauen darf und soll und muss ich da sein. Alles sehen. Ohne Martinshorn, dafür mit zweieinhalb Stunden schmerzlicher, sinnlicher und wunderschöner Musik.

    Das Prinzip vom Erzählen nicht als Monolog, sondern als Beziehungsgeschehen durchzieht da schon längst die ganze Matthäuspassion. Mehr davon am nächsten Freitag.