Vokalwerk Christianskirche

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Aller Anfang

30. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 8
Von Igor Zeller

5. Januar 2026. Noch ist "O du fröhliche" nicht verklungen, der Weihnachtsbaum steht noch. Die Weihnachtszeit war intensiv: An Heiligabend 3000 Menschen in den Gottesdiensten der Christianskirche. Große Gesänge, große Gefühle. Danach Feuerwerk und Sekt, Jahresrückblicke. Nun wäre Zeit zum Runterkommen, dry January für Geist und Seele. Auf meinem Schoß liegt trotzdem die Matthäuspassion, alles zurück auf Anfang. Zwei Jahre Vorarbeit für ein großes Oratorium sind keineswegs zu viel, hatte Helmuth Rilling im Dirigierkurs in Eugene gesagt.

    Er steht mir eindrücklich vor Augen: auf irgendeinem Flughafen im Glaskasten, vom Zigarillo geheimnisvoll umwölkt, der Pappbecher mit dem unvermeidlichen Kaffee griffbereit neben sich. Und vor sich: irgendeine Partitur zum Studieren. Immer. Weil er immer bald das nächste Großwerk dirigiert hat, eher alle zwei Wochen als alle zwei Jahre wie ich. Er hat nie mit dem Üben angefangen, weil er gar nicht erst aufgehört hat. Ihm wäre sowieso nichts Schöneres eingefallen. Mir dagegen fiel schon immer viel anderes ein, in die Noten hat es mich zum Üben nie hineingesaugt. Beim Improvisieren am Klavier gelingt mein Anfang immer leicht, von irgendwoher. Vor einem Notenblatt ist und bleibt es jedes Mal ein Angang. Erst recht vor dieser großen, schweren Partitur. Und gleich beim ersten Aufschlagen wird Rillings Frage im Raum stehen: "What's the structure of the piece?" Tja – wie erfasst man eine Struktur, wenn sie sich über 298 Seiten erstreckt? Über gut zweieinhalb Stunden Musik, Arien, Rezitative, Chöre.

    Dabei musste ich in den letzten Monaten schon viele Entscheidungen treffen und Strukturen schaffen, bevor ich die Partitur überhaupt das erste Mal in die Hand genommen habe. Unser Chor kann nicht beide Chöre der Matthäuspassion singen. Wir brauchen einen Partnerchor in gleicher Größe und Leistungsfähigkeit, also auch ein Tagungshaus für 160 Sängerinnen und Sänger. Ein gefragtes Orchester wie Elbipolis bucht man für die Passionszeit Jahre im Voraus – und sollte wissen, ob man es auch bezahlen kann. Zwei Konzerte kosten mit Solisten zusammen einen mittleren fünfstelligen Betrag, dafür lässt man sich besser den Finanzplan vom Kirchengemeinderat genehmigen. Der schaut etwas verwundert: 2028?! 2026 hat doch noch gar nicht richtig angefangen ... Auch der Probenplan für den Chor soll früh stehen, am besten schon mit allen Atemzeichen und Lautstärken, wenn es nach dem Chor geht. Man will ja von vornherein richtig lernen. Nur stehe ich selber auch gerade am Anfang, noch vor dem Vornherein. Mal so eine schnelle Idee: Das Ganze erfassen kann ich vielleicht am besten, wenn ich die Partitur einfach wiege. Die Küchenwaage sagt: 1,932 Kilo. Angst vor dem leeren, weißen Blatt Papier muss ich also nicht haben.

    Es hilft nichts – jetzt muss ich die erste Seite aufschlagen. Dort zu sehen: ein Druck von Bachs Originalhandschrift, Eingangschor, der Anfang. Diese heute knapp zwei Kilo eng bedrucktes Papier hat Bach damals also tatsächlich mit Tinte und Federkiel geschrieben. Note für Note. Nicht während eines dreimonatigen Sabbaticals, sondern neben seinen täglichen Verpflichtungen an den Leipziger Hauptkirchen und in der Thomasschule. Oben auf der ersten Seite der Handschrift lese ich: "J. J." und dann "Passio D. N. J. C. secundum Matthaeum." Eine Seite weiter auf dem Titelblatt der gedruckten Partitur steht die Übersetzung: "Passion unseres Herrn Jesu Christi nach dem Evangelisten Matthäus." Das J. J. aus der Handschrift fehlt allerdings. "Jesu Juva" – Jesus, hilf! Diese zwei Buchstaben waren vermutlich das Erste, das Bach auf dem leeren Papier über die eben gezogenen Notenlinien geschrieben hat. Falls man mich fragt: Ein verständlicher Ausruf angesichts eines solchen Himmelfahrtskommandos. Wie hat sich wohl Goethe beim ersten Buchstaben des Faust gefühlt? Wagner beim ersten Takt des Tristan? Ein Schritt, den man auch lassen könnte. Und es dann doch nicht lässt.

    "What's the structure of the piece?" So richtig weit bin ich in der ersten halben Stunde noch nicht gekommen. 23 Notenzeilen, zwei Orchester, die zunächst dasselbe spielen. Zwei Chöre, die erst einmal lange schweigen. Und dann ruft der eine Chor den anderen: "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!" Wer ruft hier wessen Töchter? Mehr davon am nächsten Freitag.