Vokalwerk Christianskirche

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Taufengel in der Christianskirche

Der Zauber: Trauer, Wut und Schönheit

18. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028
September 1980:
Da sitze ich also als Zwölfjähriger unter dem Kopfhörer. Und werde hin- und hergeworfen zwischen diesen beiden Chören auf der rechten und linken Seite: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“. Bin gleichzeitig auf Adrenalin und tiefengerührt. Was ist da los?

Da sind zunächst diese beiden Stimmen. Sopran und Alt. Traurig, entsetzt – und wunderschön: „So ist mein Jesus nun gefangen, Mond und Licht ist vor Schmerzen untergangen.“ Sie können nur ohnmächtig zuschauen, wie ein Unschuldiger gefesselt wird. Und dann fährt ihnen der Chor von der anderen Seite dazwischen: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“ In das Klagen plötzlich ein Aufschrei. Als könnten die vielen Stimmen tatsächlich noch eingreifen. Als ließe sich die Gefangennahme durch ihre schiere musikalische Kraft doch noch aufhalten. Chorrufe wie Peitschenschläge. Und dann geht es erst richtig los: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle …“. Die Chöre fliegen mir um die Ohren, die Bässe grollen, die Geigen lodern, die Stimmen zucken.

Aber es sind ja nicht nur die beiden Frauenstimmen, die trauern. Nein, Mond und Licht sind vor Schmerzen untergegangen. Und es ist auch nicht nur ein Chor, der sich auflehnt. Die Hölle selbst eröffnet den feurigen Abgrund angesichts des Verrats. Trauer, Entsetzen, Wut, Vernichtung. Und jetzt kommt das Merkwürdige: Das alles ist unglaublich schön. Schön der klagende Duettgesang von Sopran und Alt, wie sich die beiden Stimmen umeinander legen, sich umarmen und festhalten in der gemeinsamen Klage. Schön auch der Aufschrei des Chores, und dann erst das fetzige Abgehen: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle!“.

Wenn ich zurückblicke: Für einen Zwölfjährigen Anfang der 80er waren das gewaltige Bilder. Heute kennen alle Harry Potter und „Die Tribute von Panem“. Mächte von außen greifen ein, ganze Welten geraten aus den Fugen, Gut und Böse werden groß und sichtbar. Und es gibt Helden, einen Harry, eine Katniss Everdeen. Menschen, die irgendwie von guten Mächten behütet sind und dem Bösen nicht das letzte Wort überlassen. Vielleicht war die Matthäuspassion für mich damals so etwas wie Fantasy. Nicht die menschlichen Streiter für die Gerechtigkeit greifen zu den Waffen. Es ist der ganze Kosmos, der in Aufruhr gerät. Mond, Licht, Blitze, Donner, Wolken, Feuer, Hölle. Das war Wut, aber sie war anders als das Ho-Ho-Ho chi Minh der 70er Jahre. Sie war Naturgewalt. Und die Klänge waren Rock'n'Roll.

Später habe ich diese Verbindung von Trauer, Wut und Schönheit in der Popmusik ähnlich körperlich wieder erlebt. Trauer in Schönheit bei ABBA: „The Winner Takes It All“. Die metallisch absteigende Klavierlinie zu Beginn und dann in Takt 7 Agnethas melancholische Stimme nur auf Aah … später dann der Aufschrei mit dem Septimsprung im Refrain. Wut in Schönheit bei Gloria Gaynor: „Go on now, go, walk out the door!“. Ein gesungener Rausschmiss aus einer toxischen Beziehung, unterbrochen von einem himmlischen Geigenpart in der Mitte, den heute noch alle mitsingen können. Und doch blieb das Musik des Diesseits. Bach war und ist Kosmos. Nicht einfach nur gewaltig. Nicht einfach nur befreiend. Nicht mal einfach nur existenziell. Heute, nach Jahrzehnten habe ich ein einfaches Wort für diese Musik: Sie ist wahr.

Vielleicht ist auch das ein Teil des Rätsels, warum mich diese Musik damals so getroffen hat. Der Bach auf dem Plattencover war für mich ein Puderkopf aus einer fernen Welt. Perücke, ernster Blick, absurder Hemdkragen. Aber der, der da aus den Lautsprechern kam, war anders. Der ging auf's Ganze.

Damals wurde ich in diesem Strudel aus Klängen einfach mitgerissen. Heute, fast fünfzig Jahre später, ist alles anders. Ich bin Chorleiter. Heute muss ich diese Klänge selbst hervorbringen, mit Menschen, die ihnen das erste Mal live begegnen. Niemand singt automatisch mit wie bei ABBA. Dafür sehe ich in den Gesichtern viel Respekt vor großer Kunst. Und Beklommenheit angesichts der Anforderungen, die aus meiner Begeisterung und Energie entstehen. Da hilft voll reingehen leider gar nicht – oft hilft Abstand mehr.

Wie groß ist die Entzauberung, wenn man nicht mehr ins Mark getroffen wird, sondern verstehen und verantworten muss? Mehr davon am nächsten Freitag.