Bach inside/outside: 3 – Heimat
Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 - Folge 6
Von Igor Zeller
Freitag, 30. September 1994. Früher Morgen in Tomsk, 3500 Kilometer östlich von Moskau. Die Nacht war unruhig. Ich bin in einem ungewöhnlichen Hotel untergebracht: keine Rezeption, eher ein umfunktioniertes Wohnhaus mit vielen kleinen Einzimmerwohnungen. Nach Einbruch der Dunkelheit soll ich mich nicht mehr auf der Straße aufhalten, gelegentlich sind etwas entfernt Schüsse zu hören. Und innen im hellhörigen Plattenbau ist die akustische Lage eindeutig: Viele der Nachbarzimmer werden offenbar stundenweise vermietet. Es ist die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion: Raubtierkapitalismus, zusammenbrechende staatliche Ordnung, explodierende Prostitution. Ich bin 26, seit zwei Wochen hier und mache ein Berufspraktikum als Musiklehrer. Mein Vater hat mich hierher vermittelt, Russischlehrer und damals Fachberater für deutsche Sprache in ganz Russland. Über ihn lerne ich Gennadij Arkadjewitsch Sokurow kennen, den Direktor eines Reformgymnasiums in Tomsk. Er lädt mich ein, neue Impulse aus dem Westen mitzubringen.

Und ich komme mit stolz geschwellter Siegerbrust. Produkt eines 68er-Kinderladens und einer hessischen Vorzeige-Gesamtschule, dazu acht Jahre Erfahrung mit dem Morgensingen auf Burg Ludwigstein. 150 Sängerinnen und Sänger, gemeinsames Singen, Gruppen in Bewegung bringen – das kann ich. Mein innerer Soundtrack: „Here Comes the Sun“. In meiner ersten Woche hospitiere ich. Schon eine zweite Klasse irritiert mich: Zu Beginn der Musikstunde stehen die Kinder kerzengerade neben ihren Bänken und brüllen im Chor: „Klasse 2a angetreten zum Musikunterricht!“ Danach folgen Gesangsübungen in straffer Disziplin. Unter Reformschule stelle ich mir etwas anderes vor. Sollte Singen nicht Spaß machen? In der zweiten Woche bin ich endlich selber dran. Allein, ohne Begleitung, mit „Komm lieber Mai und mache“ im Gepäck. Wieder die Meldung. Ich lächle und sage entspannt: „Nun setzt euch erst mal.“ Zwei Minuten später bricht das Chaos aus. Kinder unter den Tischen, auf den Tischen, hinter der Tafel. Ich spiele schwungvoll Klavier, singe und versuche, locker zu bleiben. So, wie ich es vom Ludwigstein kenne. Nur kommen diese Kinder eben nicht vom Ludwigstein. Sie haben mich kurz gescannt. Das Ergebnis: Kein richtiger Lehrer! Das soll die neue Ordnung sein? Na, dann mal los.
Noch deutlicher wird es in der neunten Klasse. Ich soll deutsche und englische Lieder singen. Nichts funktioniert. Die Vierzehnjährigen hören russischen Punk, meine Beatles wirken da ziemlich onkelhaft. Auch meine sorgfältig gepflegte Jugendlichkeit hilft nichts. Jung sind sie selber. An diesem Freitagmorgen sitze ich wieder in meinem Hotelzimmer, der Tauchsieder steckt in der Tasse, der lösliche Kaffee ist angerührt. Gleich noch einmal 45 Minuten Abstiegskampf in der Neun. Nicht wieder durch diese Klassentür! Ich schaue an die Wand: da hängt das mintgrüne Radio sowjetischer Bauart. Ich hatte es schon ein paarmal kurz an. Der Klang ist dünn und scheppernd, und den gut gelaunten Morgenmoderationen kann ich mit meinem Schul-Russisch ohnehin kaum folgen. Ich drehe trotzdem am Sender-Knopf. Balalaika. Russischer Schlager. Nichts passt. Schon will ich ausschalten, da höre ich Wortfetzen: „… astian Bach, Brandenburgski Konzert Nomjer tri.“ Wie bitte? Bachs drittes Brandenburgisches Konzert, hier, in diesem Stundenhotel? Durch das dünne Lautsprechergitter dringen schon die Streicher: drei Geigen, drei Bratschen, drei Celli. Dieser tiefergelegte, warme Klang.
Heute klingt es vielleicht kitschig. Damals ist es magisch. Die Wärme dringt in mich ein, der Widerstand löst sich in Tränen auf. Diese Klänge er-innern mich im wahrsten Sinn. Sie singen davon, woher ich komme und wohin ich gehöre. Sie bekräftigen, wer ich bin. Und flüstern, dass ich aufhören darf, jemand sein zu wollen.
Zwei Stunden später gehe ich doch in die neunte Klasse. Ich sage: Ihr wollt keine deutschen Lieder, stimmt's? "Njet". Englische? „Njet.“ Russische? Auch nicht. Gibt es irgendetwas, was Ihr wollt? „Igrat Futbol!“ - Fußballspielen. Aber das geht jetzt doch nicht. "Njet, aber heute Nachmittag - Wollen Sie mitkommen?". Auch das noch. Aber: lieber am Ball scheitern als am Klavier. Am Nachmittag treffen wir uns auf dem Platz an der großen Straße. Spiel auf ein Tor. Und wer geht ins Tor? Genau. Die Bälle fliegen mir ans Kinn, ans Knie und in den Magen. Aber etwas ist jetzt anders: nach jedem Volltreffer kommt eine Delegation von zwei oder drei Vierzehnjährigen, hilft mir auf, legt mir die Hand auf die Schulter und fragt besorgt, ob alles in Ordnung ist. Und nach dem Spiel eskortiert mich eine ganze Mannschaft nach Hause.
In meiner dritten und letzten Woche wird es dann etwas absurd. Ich sitze gerade im Lehrerzimmer, als zwei junge Frauen reinlaufen: Ob ich mal kurz mitkommen kann? In der Aula gibt es eine Fortbildungskonferenz für Lehrer des Gebietes Tomsk. Ich werde als westlicher Superpädagoge vorgestellt. Meine Fußballgeschichte hat sich herumgesprochen, ich soll erzählen, um welche Methode es sich handelt. Ich versuche, ein paar angelernte Schlagworte aus dem Pädagogik-Hauptseminar in meine zweite Fremdsprache zu pressen: „situativer Ansatz“ und „schülerzentrierte Perspektive". Und so. Es klingt vermutlich überzeugend. Nur ist es eine Lüge. Die Wahrheit ist: Ich wusste einfach nicht mehr weiter.
Eine Moral gibt es nicht. Es gibt seitdem 1000 Gedanken zu diesem Erlebnis. Und eine Erfahrungstatsache meines Lebens: Als nichts mehr ging, war da Bach. Das ist so.
Zehn Jahre später geht dann doch einiges. Der Bach, der in Tomsk für mich zu einem inneren Heimatland wurde, wird auf der anderen Seite der Erde einen Sommer lang ein ganzes Universum, im Hier und Jetzt. Wieder an einem ungewöhnlichen Ort: in einem kleinen Universitätsstädtchen im pazifischen Nordwesten der USA. Zwischen rauschebärtigen Hanf-Veteranen und evangelikalen Pastorengattinnen. Mehr davon am nächsten Freitag.
