Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028
Begegnet bin ich der Matthäuspassion das erste Mal als Zwölfjähriger. Unter einem dicken weißen Kabel-Kopfhörer vor einer Braun Audio 308-Stereoanlage – damals der letzte Schrei neben orangen Plastikstühlen und braunen Polsterbezügen. Noch nicht in der Originalversion, sondern in Bearbeitungen des Jazz-Querflötisten Chris Hinze – „Sketches on Bach“. Da war viel Sound der 70er und frühen 80er – herzzerreißende Synthi-Orgeln, eine brillante Rhythmus-Combo mit leichtem Bebop-Einschlag, Virtuosität wie bei den Swingel-Singers. Und doch immer wieder diese melancholischen Klangflächen: „So ist mein Jesus nun gefangen“, mit peitschenden Einwürfen des Klaviers: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“. „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz“. Oder „Wir setzen uns mit Tränen nieder“.
Es ist mir bis heute ein Rätsel, was mich an diese Musik gebunden hat. Hineingewachsen in ein SPD-Elternhaus im Frankfurter Umfeld. Mit einem Vater, der Distanz zu den verschiedensten K-Gruppen (von DKP bis KBW) hielt und deshalb in der Elternschaft meines Kinderladens tendenziell als „Rechter“ misstrauisch beäugt wurde. Mit einer Mutter, die als echtes Offenbacher Arbeiterkind auf dem zweiten Bildungsweg beim Studium der Sozialarbeit an der linken Fachhochschule nur relativ wenig mit maoistischen Sit-ins anfangen konnte. Und stattdessen irgendwie immer ganz bürgerlich im Hinterkopf hatte, wie sie neben ihren spießigen Prüfungen zuhause für die Kinder noch was Warmes auf den Tisch kriegen konnte.
Die musikalischen Hausgötter waren trotzdem Biermann, Süverkrüp und Degenhardt. Die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ kann ich heute noch im Schlaf auswendig aufsagen. Die Matthäuspassion habe ich mir erst später Stück für Stück erarbeitet. Getroffen hat sie mich als Jungen trotzdem bis ins Mark – von irgendwo her. Nach Chris Hinze kam das Original, in einer Doppel-LP mit Ausschnitten, gesungen von den Stuttgarter Hymnuschorknaben unter Leitung von Karl Münchinger. Und zum ersten Mal traten die Texte an mich heran. Zum ersten Mal „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Und ganz besonders wieder dieser, nach dem traurigen „So ist mein Jesus nun gefangen“. Da schlug die Trauer plötzlich um: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden … Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle – zertrümmre, verschlinge, zerschelle, mit plötzlicher Wut den falschen Verräter, das mördrische Blut!“.
Das war starker Tobak. Und gleichzeitig Teil meiner Lebenswelt aus den 70ern – mit ihren Slogans wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Feuer unterm Arsch verkürzt den langen Marsch“. Mit den Bildern der Gewalt, die mich als Kind geängstigt haben – begonnen bei der Entführung von Peter Lorenz und der Grundschülerfrage an meinen Vater: „Warum befreit die Polizei den denn nicht einfach?“. Und mit einer ersten Erkenntnis, was ein Dilemma und damit unschuldig Schuldigwerden ist. Später dann die Panzerwagen am Frankfurter Flughafen, wenn die Maschine der El Al aus Tel Aviv landete. Das nächste Dilemma dann bei Hanns Martin Schleyer und dem Bußgang von Helmut Schmidt bei dessen Witwe. Und schließlich Mogadischu. Und so sehr die Bilder der menschlichen Gewalt ihren Schrecken in meine Seele getragen haben – das „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle“ hat mich auch mit einer aufwühlenden Kraft getröstet.
Erklären kann ich mir das alles bis heute nicht. Und nun erarbeite ich als studierter Musiker dieses Werk mit meinem Chor. Und werde es im April 2028 als dann Sechzigjähriger aufführen. Da ist kein Kopfhörer mehr, der mich vor der Welt birgt. Da kann und darf ich mich nicht mehr mitreißen lassen und abgehen, sondern muss mit klaren „Prompts“ diese innere Klanggewalt Materie und Realität werden lassen. In den Bedingungen des Hier und Jetzt.
Ein langer Weg, in den ich Sie in diesem Blog hineinnehmen möchte. Ich habe bis zum letzten Drittel meiner Laufbahn gewartet, bis ich dieses Werk meines Lebens zur Aufführung bringe. Und stehe trotzdem ganz am Anfang. Gehen Sie diesen Weg bis zur Aufführung gerne mit. Jeden Freitag an dieser Stelle.