Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 7
Von Igor Zeller
Juni 2004, Hult Center for the Performing Arts in Eugene, Oregon. Erste Probe für die Matthäuspassion. Ich bin als Chorsänger mit der Gächinger Kantorei Stuttgart in den Pazifischen Nordwesten der USA geflogen. Am Samstag werden wir vor 2.500 Menschen in der Silva Concert Hall singen. Mit uns auf der Bühne sitzt der Chor des Oregon Bach Festival. Die Sitzordnung ist von den amerikanischen Chordirektorinnen minutiös geplant. Beide Chöre werden konsequent durchmischt. Links neben mir sitzt Will. Er sieht aus, wie sich Deutsche gerne einen Amerikaner vorstellen. Und er ist nicht nur ein begnadeter Bass, sondern auch Professor und Chordirektor an einem großen College in Michigan. Schräg vor mir sitzt Kristy, gefühlt die erste Altistin meiner Chorlaufbahn, die meine Klänge nicht als zu laut und auftrumpfend empfindet. Im Gegenteil: Bei jedem lauten Einsatz geht unauffällig ein Daumen nach hinten oben. Dass sie mit einem evangelikalen Pastor aus dem Mittleren Westen verheiratet ist, erfahre ich später – ein Milieu, über das ich bislang allenfalls in der Zeitung gelesen habe. Wir Gächinger sind verblüfft. Wir dachten, wir machen hier ein bisschen Bach-Fortbildung in der Neuen Welt. Nun stellen wir fest: Die sind nicht nur supernett, neugierig und aufgeschlossen – sie singen vor allem auch verdammt gut! So gut, dass wir Deutschen am dritten Tag unauffällig eine eigene Extraprobe in der Kantine organisieren – unser Chef scheint hier ein ziemlich hohes Niveau gewohnt zu sein.
Dabei kommen wir nun nicht gerade ohne Selbstbewusstsein nach Eugene. Die Gächinger Kantorei Stuttgart ist für mich Teil einer großen musikalischen Geschichte. 1954 veranstaltete Helmuth Rilling mit einigen Musikstudenten eine Musizierwoche in Gächingen, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Daraus wurde eine weltweite musikalische Arbeit, ermöglicht von der einzigartigen Stuttgarter Verbindung aus schwäbischem Pietismus und schwäbischer Wirtschaftskraft. Mit den Gächingern und der Internationalen Bachakademie trug Rilling die Musik von Johann Sebastian Bach nach Moskau, Shanghai, Caracas, Tel Aviv. Und seit 1970 kam er jedes Jahr nach Eugene, nicht mit seinem üblichen Mitarbeiterstab, sondern mit seiner Familie. Gemeinsam mit Royce Saltzman, damals Professor für Chormusik an der University of Oregon, hatte Rilling das Oregon Bach Festival gegründet. Auch dort entstand ein Chor, der zu einem festen Bestandteil seiner musikalischen Arbeit wurde.
Wir Stuttgarter wohnen bei unseren Reisen meistens in tollen Hotels. Dieses Mal ist alles anders: Drei Wochen ohne Honorar, Unterbringung gemeinsam mit dem OBF-Chor in einem Studentenwohnheim, Essen in der dortigen Kantine. Alles andere wäre trotz ständigem Fundraising für das Oregon Bach Festival nicht finanzierbar. Aber Royce Saltzman liegt es besonders am Herzen, die Ensembles aus Stuttgart und Eugene einmal zusammenzubringen. Im Register-Guard, der in Eugene erscheinenden Tageszeitung, sagt er vor dem Festival: „Because we are all involved in singing, we’re part of a global family.“
Will, Kristy und die anderen sind nicht die einzigen Begegnungen, die mir von dieser Reise in Erinnerung bleiben. An einem Morgen bin ich auf dem Weg zur Probe. Auf der gesperrten Straße sehe ich plötzlich sieben Polizeiwagen, die langsam V-förmig fahren und eine Demonstration eskortieren. Die Demo: vielleicht zehn Menschen, Durchschnittsalter gefühlt fünfundsiebzig, lange Haare, Rauschebärte. Zwei tragen ein großes Banner: „Freier Hanfanbau jetzt!“ Am Straßenrand gegenüber steht die Gegendemo, ebenfalls ungefähr zehn Menschen, ein wenig jünger, offenbar aus einer evangelikalen Kirchengemeinde. Auf ihrem Banner steht: „Jesus ist auch für dich gestorben!“ Nach fünf Minuten ist alles vorbei.
Am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, stehe ich dann am Ufer des Willamette River und warte auf das Feuerwerk. Viele Menschen, ausgelassene und friedliche Stimmung. Ich schaue mich um und habe das Gefühl, dass sie alle wieder da sind: die Hanf-Veteranen und die evangelikalen Christen. Vielleicht nicht genau diese, aber dafür all die anderen, die ihre Haltung zum Leben gerne deutlich und intensiv zeigen. Manchmal brauchen sie dabei vielleicht sieben Polizeiwagen zwischen sich. Und dann stehen sie doch alle wieder am Fluss. Das Feuerwerk beginnt. Ich stehe mittendrin. Meine Füße auf weitem Raum.
Es steht fest: Hier will ich wieder hin. Hier in der Neuen Welt will ich Bach zum ersten Mal von der anderen Seite des Pultes begegnen. Ich melde mich für den Dirigierkurs 2005 in Eugene an. Und im Januar 2026 schlage ich die Partitur der Matthäuspassion mit der Frage auf, die Rilling dort in schönstem „Schwenglisch“ an den Anfang jeder Dirigierarbeit gestellt hat: „What’s the structure of the piece?“ Mehr davon am nächsten Freitag.