Bach inside/outside: 1 – Gemeinschaftsmusik

2. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 4
Von Igor Zeller

20. April 1984, Karfreitag. Ich sitze im Meißnersaal der Jugendburg Ludwigstein im Werratal. 1975, mit sieben, bin ich zum ersten Mal hierher gekommen, „mitgeschleppt“ von meiner Großmutter zu einer musischen Familienwoche von Palmsonntag bis Ostermontag. Seitdem komme ich immer wieder. Der Ludwigstein, ursprünglich eine Ruine, war nach dem Ersten Weltkrieg von Anhängern der Jugendbewegung wieder aufgebaut worden. Die Bewegung entstand um 1900: raus aus den grauen Städten, dem industriellen Alltag und dem, was andere für einen vorgesehen haben. Zurück zur Natur, zur Gemeinschaft, zum Selbermachen. Dieses „Raus aus – zurück zu“ prägt auch die Musik: raus aus dem bürgerlichen Konzertbetrieb, dem romantischen Schwulst und den großen, anonymen Orchestern. Zurück zu alter Musik, Renaissance, Volkstanz und eigenem Musizieren. Genau das erlebe ich hier auf dem Ludwigstein.

Jeden Morgen erstmal Frühsingen im Burghof, dann um neun ein offenes Singen mit allen etwa 150 Teilnehmern. Geleitet wird es von meinem ersten großen Idol, Uwe Hahn, einem Musiklehrer aus Bremen. Nach dem Singen wird gewandert. Nachmittags probt Uwe Hahn mit einem Orchester: vor allem Streicher, darunter fantastische junge Geigerinnen, Bratscher und Cellisten, viele von ihnen Teilnehmer bei „Jugend musiziert“. Geigen kann ich nicht, also darf ich mit meiner Altblockflöte mitspielen. Die Noten werden in bester Schulmusikertradition hingebogen. Und gleich wieder Bach-Gänsehaut: „Air“ aus Bachs 3. Orchestersuite. Zu finden auf gefühlt jeder „Best-of-Klassik“-Platte. Nun muss ich nicht mehr Platten legen. Ich bin mittendrin.

Und dann kommt dieser Karfreitag. Uwe Hahn macht ein Bach-Experiment der besonderen Art: Er legt eine Aufnahme der Matthäuspassion auf den Plattenteller. Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern und der Berliner Singakademie. Eingangschor: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen.“ Der kleine Chor, mit dem er sonst abends Renaissance-Madrigale probt, singt live nur die Choraleinschübe: „O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet.“ Die sind mir bisher noch nie aufgefallen. Nun bin ich überwältigt. Diese große Aufnahme aus den Boxen und dazu 30 menschliche Stimmen. Ehrlich, nicht perfekt, nicht professionell, aber mittendrin. Große Kunst – und gleichzeitig: Gemeinschaftsmusik.

Noch heute, in meinen gelegentlichen Energielöchern, versetze ich mich immer wieder in den Meißnersaal auf dem Ludwigstein. Der Gedanke der Gemeinschaftsmusik hat mein Leben bestimmt: eine Musik, die alte Fesseln und Konventionen sprengt und ihren Sitz mitten im Leben findet. Die Jugendmusikbewegung stellte sie der „Gesellschaftsmusik“ der Salons und Konzerthäuser gegenüber. Diese Gemeinschaftsmusik als Lebensquelle finde ich, obwohl begeisterter Organist, nicht in der Kirche. Und nicht oben auf der Orgelempore. Also werde ich erst einmal Schulmusiker – auf den Spuren von Uwe Hahn. Als Schulmusikstudent übernehme ich dann zwölf Jahre lang selbst die Singleitung auf dem Ludwigstein. Und noch heute singen die Kinder meiner Kinderchöre Lieder, die ich als Siebenjähriger an der Hand meiner Großmutter dort zum ersten Mal gehört habe: „Der Himmel geht über allen auf“, „Dona nobis pacem“, „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder“. Und Generationen von Kinderchorkindern haben schon den Mayim-Tanz geübt – ein direkter Import aus dem Meißnersaal.

Als Student der Schulmusik in Köln ist mir die Jugendmusikbewegung vom ersten Semester an ständig wieder begegnet. Und heute arbeite ich mit dem Barockorchester Elbipolis zusammen, Teil der Alte-Musik-Bewegung, die eigentlich auch eine Neue-Musik-Bewegung sein will. Wieder dieses „Raus aus – zurück zu“: raus aus der verzopften, fremdbestimmten Musizierweise, zurück und nach vorne zu einer unmittelbaren, körperlichen, lebendigen Art des Musizierens. Die historischen Zusammenhänge sind andere. Aber der Gedanke kommt mir vertraut vor. Als Lehramtsstudent in Köln sitze ich ein paar Jahre nach Uwe Hahns Matthäuspassion wieder mit anderen jungen Menschen in einer musikalischen Gemeinschaft zusammen. Diesmal nicht auf einer Jugendburg, sondern in einer Jugendherberge in Olpe am Biggesee. Die Sechsbettzimmer sind ähnlich. Aber jetzt gibt es Tischfußball, Bier, Beatles, meine erste große Liebe – und dazwischen die h-Moll-Messe. Mehr davon am nächsten Freitag.

Entzauberung – wann, wie, mit wem?

25. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 3
Von Igor Zeller

30. März 2028. Erste Orchesterprobe. Noch ohne Chor. Die Musikerinnen und Musiker kommen zusammen, tolle Profis des Barockorchesters Elbipolis. Viele kenne ich seit Jahren, andere sehe ich zum ersten Mal. Erstes Stück laut Probenplan: „So ist mein Jesus nun gefangen“. Und plötzlich ist da keine Braun Audio 308 mehr. Es ist vor allem: nicht viel Zeit. Sechs Stunden Probenzeit für zweieinhalb Stunden Musik. Das bedeutet, dass man jedes Stück im Prinzip zweimal durchspielen kann, dann muss es konzertreif sein. Nach zwei Takten ist allerdings schon wieder Schluss. Berechtigte Fragen aus dem Orchester: Wie lange will ich die Seufzervorhalte in den Flöten und Oboen gespielt haben? Wie laut soll die Begleitung der Bratschen und Geigen sein? In der Partitur steht un poco p, „ein bisschen leise“ – wie viel ist ein bisschen in der Akustik der Christianskirche? Und wie lang oder kurz sollen die Töne sein, eher breit oder eher gestoßen? Das will und muss das Orchester wissen. Was unter dem Kopfhörer ein einziger großer musikalischer Moment war, wird plötzlich in lauter kleine Entscheidungen zerlegt. Aus Trauer, Wut und Schönheit werden vier einfache Dinge: lauter oder leiser, länger oder kürzer, schneller oder langsamer, höher oder tiefer. Das kann man dem Orchester sagen, so habe ich es im Dirigierunterricht gelernt.

Der Chor besteht aus begeisterten Amateuren, sehr viele ohne Chorerfahrung. Was das Orchester in sechs Stunden regelt, haben die Sängerinnen und Sänger über zwei Jahre erarbeitet. Auch hier hilft meine eigene Begeisterung eher wenig. Sie kann faszinierend sein, gerade für Menschen, die der Matthäuspassion zum ersten Mal begegnen. Aber sie kann sie auch überfordern. Denn bevor wir über die großen Gefühle reden, muss erst einmal der Atem funktionieren. Dafür muss die Grundstimmung gut sein. Dann wird es präzise: Rhythmus und Metrum müssen stabil sein. Das ist weniger Feeling und mehr Bruchrechnung: In eine ganze Note passen vier Viertel und sechzehn Sechzehntel, sonst fliegen wir auseinander. Der Kammerton liegt bei 440 Hertz und nicht bei 439, sonst wird es sehr schnell schräg. Die komplexe Aufgabe: aktiv singen, gleichzeitig aufeinander hören und sehr genau auf die Zeichen des Dirigenten achten. Volle Vitalität und volle Selbstkontrolle. Am Klavier und mit der eigenen Stimme übe ich das seit Jahrzehnten. Immer wieder, Tag für Tag. Aber der Chor ist kein Instrument. Er besteht aus Menschen. Menschen mit Erfahrungen, Erwartungen, Geschichten und Befindlichkeiten. Einer der wichtigsten Sätze für meinen Beruf stammt von Leonard Bernstein: „I love music and I love people.“ Er ist nach wie vor mein Credo. Aber nach dreißig Jahren Chorleiterkarriere weiß ich inzwischen, dass der zweite Teil nicht unbedingt der einfachere ist. Das sind Fragen, die einen nicht verzaubern. Sie entzaubern.

Das Profi-Orchester besteht auch aus Menschen, trotzdem ist die Ausgangslage etwas anders. Es hat das Werk zehnmal öfter gespielt, als ich es gesungen habe. Und hundertmal öfter, als ich es dirigiert habe, nämlich noch nie. Für sie ist es Heimspiel, für mich auf dieser Position Neuland. Sie kommen mit eingerichteten Noten, mit Stricharten, Lautstärkebezeichnungen und Erfahrungswerten. Mit dem Chor kann ich mitlernen, beim Orchester muss ich aus dem Stand funktionieren und klare Vorstellungen haben. Gleichzeitig weiß ich, wie sehr ich von der Kompetenz der Menschen lebe, die vor mir sitzen und im Gegensatz zu mir Klänge produzieren. Die darf ich zuallererst mal nicht bei der Arbeit stören. Sie haben schon etliche Dirigenten scheitern sehen und mit anderen große Momente erlebt, ich bin da eine Durchgangsstation. Sie sind oft genervt von den Mühlen der Institution und haben gleichzeitig einen noch nicht versiegten Spieltrieb. So wie ich. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Ich habe selbst lange in der professionellen Gächinger Kantorei Stuttgart unter Hellmuth Rilling gesungen und in Dirigierkursen oft erlebt, wie man als Sänger auf jemanden schaut, der vorne am Pult steht. Dreißig Sekunden reichen manchmal, dann steht die Entscheidung: Schaumschläger oder spannende Type? Lahme Ente oder Energiequelle? Drei Stunden Langeweile und Zähneknirschen, oder drei Stunden neue Inspiration? Und dann fängt man ziemlich schnell an, innerlich einen Papierflieger zu bauen. Oder man richtet sich ein ganz kleines bisschen im Stuhl auf. Hop oder top. Ensembles können allemal auch nicht nett sein, ich war oft genug mittendrin. Heute bin ich der, der vorne steht.

Wenn man genauer hinschaut, merkt man erst, wie viele Zutaten in so einem Projekt zusammenkommen. Dirigieren heißt zuallererst mal: viel, viel Verantwortung tragen. Oder wie Herbert von Karajan sagte: „5 Prozent Inspiration und 95 Prozent Transpiration“. Und ganz ehrlich: eigentlich habe ich das Dirigieren noch nie wirklich gemocht. Ich bin eher der musikalische Instinktfußballer, nicht der Taktikexperte. Am stärksten bin ich, wenn ich mit geschlossenen Augen am Klavier singen kann. An „meinem“ Flügel in der Christianskirche, meiner „Braun Audio 308“ bis heute. Mit jeder Faser „inside“ und selber dicht am Klang, statt mucksmäuschenstill und „outside“ mit den Händen die Luft zu zerteilen.
In den Minuten, bevor ich in der ersten Orchesterprobe aufs Pult steige, denke ich: der Laden muss auseinanderfliegen. Und er wird auseinanderfliegen, ich jedenfalls kann ihn nicht zusammenhalten. Bisher ist es auf wundersame Weise immer anders gekommen. Und mittlerweile weiß ich auch genau, was das alles zusammenhält und das Unmögliche möglich macht – frei nach Bill Clinton: It’s the music, stupid! Warum und wie diese Musik uns berührt, hat immer auch mit uns zu tun. Das ist an diesem Tag der Generalprobe bei allen so, ob Amateur oder Profi. Bevor ich an diesem Tag das Pult betrete, werde ich deshalb gegen die Beklommenheit einige meiner eigenen Berührungspunkte an mir vorbeiziehen lassen, mein „inside“. Der erste führt 1984 auf die Jugendburg Ludwigstein im Werratal. Mehr davon am nächsten Freitag.

Der Zauber: Trauer, Wut und Schönheit

18. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 2
Von Igor Zeller

September 1980:
Da sitze ich also als Zwölfjähriger unter dem Kopfhörer. Und werde hin- und hergeworfen zwischen diesen beiden Chören auf der rechten und linken Seite: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“. Bin gleichzeitig auf Adrenalin und tiefengerührt. Was ist da los?

Da sind zunächst diese beiden Stimmen. Sopran und Alt. Traurig, entsetzt – und wunderschön: „So ist mein Jesus nun gefangen, Mond und Licht ist vor Schmerzen untergangen.“ Sie können nur ohnmächtig zuschauen, wie ein Unschuldiger gefesselt wird. Und dann fährt ihnen der Chor von der anderen Seite dazwischen: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“ In das Klagen plötzlich ein Aufschrei. Als könnten die vielen Stimmen tatsächlich noch eingreifen. Als ließe sich die Gefangennahme durch ihre schiere musikalische Kraft doch noch aufhalten. Chorrufe wie Peitschenschläge. Und dann geht es erst richtig los: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle …“. Die Chöre fliegen mir um die Ohren, die Bässe grollen, die Geigen lodern, die Stimmen zucken.

Aber es sind ja nicht nur die beiden Frauenstimmen, die trauern. Nein, Mond und Licht sind vor Schmerzen untergegangen. Und es ist auch nicht nur ein Chor, der sich auflehnt. Die Hölle selbst eröffnet den feurigen Abgrund angesichts des Verrats. Trauer, Entsetzen, Wut, Vernichtung. Und jetzt kommt das Merkwürdige: Das alles ist unglaublich schön. Schön der klagende Duettgesang von Sopran und Alt, wie sich die beiden Stimmen umeinander legen, sich umarmen und festhalten in der gemeinsamen Klage. Schön auch der Aufschrei des Chores, und dann erst das fetzige Abgehen: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle!“.

Wenn ich zurückblicke: Für einen Zwölfjährigen Anfang der 80er waren das gewaltige Bilder. Heute kennen alle Harry Potter und „Die Tribute von Panem“. Mächte von außen greifen ein, ganze Welten geraten aus den Fugen, Gut und Böse werden groß und sichtbar. Und es gibt Helden, einen Harry, eine Katniss Everdeen. Menschen, die irgendwie von guten Mächten behütet sind und dem Bösen nicht das letzte Wort überlassen. Vielleicht war die Matthäuspassion für mich damals so etwas wie Fantasy. Nicht die menschlichen Streiter für die Gerechtigkeit greifen zu den Waffen. Es ist der ganze Kosmos, der in Aufruhr gerät. Mond, Licht, Blitze, Donner, Wolken, Feuer, Hölle. Das war Wut, aber sie war anders als das Ho-Ho-Ho chi Minh der 70er Jahre. Sie war Naturgewalt. Und die Klänge waren Rock’n’Roll.

Später habe ich diese Verbindung von Trauer, Wut und Schönheit in der Popmusik ähnlich körperlich wieder erlebt. Trauer in Schönheit bei ABBA: „The Winner Takes It All“. Die metallisch absteigende Klavierlinie zu Beginn und dann in Takt 7 Agnethas melancholische Stimme nur auf Aah … später dann der Aufschrei mit dem Septimsprung im Refrain. Wut in Schönheit bei Gloria Gaynor: „Go on now, go, walk out the door!“. Ein gesungener Rausschmiss aus einer toxischen Beziehung, unterbrochen von einem himmlischen Geigenpart in der Mitte, den heute noch alle mitsingen können. Und doch blieb das Musik des Diesseits. Bach war und ist Kosmos. Nicht einfach nur gewaltig. Nicht einfach nur befreiend. Nicht mal einfach nur existenziell. Heute, nach Jahrzehnten habe ich ein einfaches Wort für diese Musik: Sie ist wahr.

Vielleicht ist auch das ein Teil des Rätsels, warum mich diese Musik damals so getroffen hat. Der Bach auf dem Plattencover war für mich ein Puderkopf aus einer fernen Welt. Perücke, ernster Blick, absurder Hemdkragen. Aber der, der da aus den Lautsprechern kam, war anders. Der ging auf’s Ganze.

Damals wurde ich in diesem Strudel aus Klängen einfach mitgerissen. Heute, fast fünfzig Jahre später, ist alles anders. Ich bin Chorleiter. Heute muss ich diese Klänge selbst hervorbringen, mit Menschen, die ihnen das erste Mal live begegnen. Niemand singt automatisch mit wie bei ABBA. Dafür sehe ich in den Gesichtern viel Respekt vor großer Kunst. Und Beklommenheit angesichts der Anforderungen, die aus meiner Begeisterung und Energie entstehen. Da hilft voll reingehen leider gar nicht – oft hilft Abstand mehr.

Wie groß ist die Entzauberung, wenn man nicht mehr ins Mark getroffen wird, sondern verstehen und verantworten muss? Mehr davon am nächsten Freitag.

Zwischen Biermann und Bach

7. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 1
Von Igor Zeller

Begegnet bin ich der Matthäuspassion das erste Mal als Zwölfjähriger. Unter einem dicken weißen Kabel-Kopfhörer vor einer Braun Audio 308-Stereoanlage – damals der letzte Schrei neben orangen Plastikstühlen und braunen Polsterbezügen. Noch nicht in der Originalversion, sondern in Bearbeitungen des Jazz-Querflötisten Chris Hinze – „Sketches on Bach“. Da war viel Sound der 70er und frühen 80er – herzzerreißende Synthi-Orgeln, eine brillante Rhythmus-Combo mit leichtem Bebop-Einschlag, Virtuosität wie bei den Swingel-Singers. Und doch immer wieder diese melancholischen Klangflächen: „So ist mein Jesus nun gefangen“, mit peitschenden Einwürfen des Klaviers: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“. „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz“. Oder „Wir setzen uns mit Tränen nieder“.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, was mich an diese Musik gebunden hat. Hineingewachsen in ein SPD-Elternhaus im Frankfurter Umfeld. Mit einem Vater, der Distanz zu den verschiedensten K-Gruppen (von DKP bis KBW) hielt und deshalb in der Elternschaft meines Kinderladens tendenziell als „Rechter“ misstrauisch beäugt wurde. Mit einer Mutter, die als echtes Offenbacher Arbeiterkind auf dem zweiten Bildungsweg beim Studium der Sozialarbeit an der linken Fachhochschule nur relativ wenig mit maoistischen Sit-ins anfangen konnte. Und stattdessen irgendwie immer ganz bürgerlich im Hinterkopf hatte, wie sie neben ihren spießigen Prüfungen zuhause für die Kinder noch was Warmes auf den Tisch kriegen konnte.

Die musikalischen Hausgötter waren trotzdem Biermann, Süverkrüp und Degenhardt. Die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ kann ich heute noch im Schlaf auswendig aufsagen. Die Matthäuspassion habe ich mir erst später Stück für Stück erarbeitet. Getroffen hat sie mich als Jungen trotzdem bis ins Mark – von irgendwo her. Nach Chris Hinze kam das Original, in einer Doppel-LP mit Ausschnitten, gesungen von den Stuttgarter Hymnuschorknaben unter Leitung von Karl Münchinger. Und zum ersten Mal traten die Texte an mich heran. Zum ersten Mal „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Und ganz besonders wieder dieser, nach dem traurigen „So ist mein Jesus nun gefangen“. Da schlug die Trauer plötzlich um: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden … Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle – zertrümmre, verschlinge, zerschelle, mit plötzlicher Wut den falschen Verräter, das mördrische Blut!“.

Das war starker Tobak. Und gleichzeitig Teil meiner Lebenswelt aus den 70ern – mit ihren Slogans wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Feuer unterm Arsch verkürzt den langen Marsch“. Mit den Bildern der Gewalt, die mich als Kind geängstigt haben – begonnen bei der Entführung von Peter Lorenz und der Grundschülerfrage an meinen Vater: „Warum befreit die Polizei den denn nicht einfach?“. Und mit einer ersten Erkenntnis, was ein Dilemma und damit unschuldig Schuldigwerden ist. Später dann die Panzerwagen am Frankfurter Flughafen, wenn die Maschine der El Al aus Tel Aviv landete. Das nächste Dilemma dann bei Hanns Martin Schleyer und dem Bußgang von Helmut Schmidt bei dessen Witwe. Und schließlich Mogadischu. Und so sehr die Bilder der menschlichen Gewalt ihren Schrecken in meine Seele getragen haben – das „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle“ hat mich auch mit einer aufwühlenden Kraft getröstet.




Erklären kann ich mir das alles bis heute nicht. Und nun erarbeite ich als studierter Musiker dieses Werk mit meinem Chor. Und werde es im April 2028 als dann Sechzigjähriger aufführen. Da ist kein Kopfhörer mehr, der mich vor der Welt birgt. Da kann und darf ich mich nicht mehr mitreißen lassen und abgehen, sondern muss mit klaren „Prompts“ diese innere Klanggewalt Materie und Realität werden lassen. In den Bedingungen des Hier und Jetzt.



Ein langer Weg, in den ich Sie in diesem Blog hineinnehmen möchte. Ich habe bis zum letzten Drittel meiner Laufbahn gewartet, bis ich dieses Werk meines Lebens zur Aufführung bringe. Und stehe trotzdem ganz am Anfang. Gehen Sie diesen Weg bis zur Aufführung gerne mit. Jeden Freitag an dieser Stelle.