Bach inside/outside: 4 – Weiter Raum

23. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 7
Von Igor Zeller

Juni 2004, Hult Center for the Performing Arts in Eugene, Oregon. Erste Probe für die Matthäuspassion. Ich bin als Chorsänger mit der Gächinger Kantorei Stuttgart in den Pazifischen Nordwesten der USA geflogen. Am Samstag werden wir vor 2.500 Menschen in der Silva Concert Hall singen. Mit uns auf der Bühne sitzt der Chor des Oregon Bach Festival. Die Sitzordnung ist von den amerikanischen Chordirektorinnen minutiös geplant. Beide Chöre werden konsequent durchmischt. Links neben mir sitzt Will. Er sieht aus, wie sich Deutsche gerne einen Amerikaner vorstellen. Und er ist nicht nur ein begnadeter Bass, sondern auch Professor und Chordirektor an einem großen College in Michigan. Schräg vor mir sitzt Kristy, gefühlt die erste Altistin meiner Chorlaufbahn, die meine Klänge nicht als zu laut und auftrumpfend empfindet. Im Gegenteil: Bei jedem lauten Einsatz geht unauffällig ein Daumen nach hinten oben. Dass sie mit einem evangelikalen Pastor aus dem Mittleren Westen verheiratet ist, erfahre ich später – ein Milieu, über das ich bislang allenfalls in der Zeitung gelesen habe. Wir Gächinger sind verblüfft. Wir dachten, wir machen hier ein bisschen Bach-Fortbildung in der Neuen Welt. Nun stellen wir fest: Die sind nicht nur supernett, neugierig und aufgeschlossen – sie singen vor allem auch verdammt gut! So gut, dass wir Deutschen am dritten Tag unauffällig eine eigene Extraprobe in der Kantine organisieren – unser Chef scheint hier ein ziemlich hohes Niveau gewohnt zu sein.

Dabei kommen wir nun nicht gerade ohne Selbstbewusstsein nach Eugene. Die Gächinger Kantorei Stuttgart ist für mich Teil einer großen musikalischen Geschichte. 1954 veranstaltete Helmuth Rilling mit einigen Musikstudenten eine Musizierwoche in Gächingen, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Daraus wurde eine weltweite musikalische Arbeit, ermöglicht von der einzigartigen Stuttgarter Verbindung aus schwäbischem Pietismus und schwäbischer Wirtschaftskraft. Mit den Gächingern und der Internationalen Bachakademie trug Rilling die Musik von Johann Sebastian Bach nach Moskau, Shanghai, Caracas, Tel Aviv. Und seit 1970 kam er jedes Jahr nach Eugene, nicht mit seinem üblichen Mitarbeiterstab, sondern mit seiner Familie. Gemeinsam mit Royce Saltzman, damals Professor für Chormusik an der University of Oregon, hatte Rilling das Oregon Bach Festival gegründet. Auch dort entstand ein Chor, der zu einem festen Bestandteil seiner musikalischen Arbeit wurde.

Wir Stuttgarter wohnen bei unseren Reisen meistens in tollen Hotels. Dieses Mal ist alles anders: Drei Wochen ohne Honorar, Unterbringung gemeinsam mit dem OBF-Chor in einem Studentenwohnheim, Essen in der dortigen Kantine. Alles andere wäre trotz ständigem Fundraising für das Oregon Bach Festival nicht finanzierbar. Aber Royce Saltzman liegt es besonders am Herzen, die Ensembles aus Stuttgart und Eugene einmal zusammenzubringen. Im Register-Guard, der in Eugene erscheinenden Tageszeitung, sagt er vor dem Festival: „Because we are all involved in singing, we’re part of a global family.“

Will, Kristy und die anderen sind nicht die einzigen Begegnungen, die mir von dieser Reise in Erinnerung bleiben. An einem Morgen bin ich auf dem Weg zur Probe. Auf der gesperrten Straße sehe ich plötzlich sieben Polizeiwagen, die langsam V-förmig fahren und eine Demonstration eskortieren. Die Demo: vielleicht zehn Menschen, Durchschnittsalter gefühlt fünfundsiebzig, lange Haare, Rauschebärte. Zwei tragen ein großes Banner: „Freier Hanfanbau jetzt!“ Am Straßenrand gegenüber steht die Gegendemo, ebenfalls ungefähr zehn Menschen, ein wenig jünger, offenbar aus einer evangelikalen Kirchengemeinde. Auf ihrem Banner steht: „Jesus ist auch für dich gestorben!“ Nach fünf Minuten ist alles vorbei.

Am 4. Juli, dem Nationalfeiertag, stehe ich dann am Ufer des Willamette River und warte auf das Feuerwerk. Viele Menschen, ausgelassene und friedliche Stimmung. Ich schaue mich um und habe das Gefühl, dass sie alle wieder da sind: die Hanf-Veteranen und die evangelikalen Christen. Vielleicht nicht genau diese, aber dafür all die anderen, die ihre Haltung zum Leben gerne deutlich und intensiv zeigen. Manchmal brauchen sie dabei vielleicht sieben Polizeiwagen zwischen sich. Und dann stehen sie doch alle wieder am Fluss. Das Feuerwerk beginnt. Ich stehe mittendrin. Meine Füße auf weitem Raum.

Es steht fest: Hier will ich wieder hin. Hier in der Neuen Welt will ich Bach zum ersten Mal von der anderen Seite des Pultes begegnen. Ich melde mich für den Dirigierkurs 2005 in Eugene an. Und im Januar 2026 schlage ich die Partitur der Matthäuspassion mit der Frage auf, die Rilling dort in schönstem „Schwenglisch“ an den Anfang jeder Dirigierarbeit gestellt hat: „What’s the structure of the piece?“ Mehr davon am nächsten Freitag.

Bach inside/outside: 3 – Heimat

16. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 6
Von Igor Zeller

Freitag, 30. September 1994. Früher Morgen in Tomsk, 3500 Kilometer östlich von Moskau. Die Nacht war unruhig. Ich bin in einem ungewöhnlichen Hotel untergebracht: keine Rezeption, eher ein umfunktioniertes Wohnhaus mit vielen kleinen Einzimmerwohnungen. Nach Einbruch der Dunkelheit soll ich mich nicht mehr auf der Straße aufhalten, gelegentlich sind etwas entfernt Schüsse zu hören. Und innen im hellhörigen Plattenbau ist die akustische Lage eindeutig: Viele der Nachbarzimmer werden offenbar stundenweise vermietet. Es ist die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion: Raubtierkapitalismus, zusammenbrechende staatliche Ordnung, explodierende Prostitution. Ich bin 26, seit zwei Wochen hier und mache ein Berufspraktikum als Musiklehrer. Mein Vater hat mich hierher vermittelt, Russischlehrer und damals Fachberater für deutsche Sprache in ganz Russland. Über ihn lerne ich Gennadij Arkadjewitsch Sokurow kennen, den Direktor eines Reformgymnasiums in Tomsk. Er lädt mich ein, neue Impulse aus dem Westen mitzubringen.

Und ich komme mit stolz geschwellter Siegerbrust. Produkt eines 68er-Kinderladens und einer hessischen Vorzeige-Gesamtschule, dazu acht Jahre Erfahrung mit dem Morgensingen auf Burg Ludwigstein. 150 Sängerinnen und Sänger, gemeinsames Singen, Gruppen in Bewegung bringen – das kann ich. Mein innerer Soundtrack: „Here Comes the Sun“. In meiner ersten Woche hospitiere ich. Schon eine zweite Klasse irritiert mich: Zu Beginn der Musikstunde stehen die Kinder kerzengerade neben ihren Bänken und brüllen im Chor: „Klasse 2a angetreten zum Musikunterricht!“ Danach folgen Gesangsübungen in straffer Disziplin. Unter Reformschule stelle ich mir etwas anderes vor. Sollte Singen nicht Spaß machen? In der zweiten Woche bin ich endlich selber dran. Allein, ohne Begleitung, mit „Komm lieber Mai und mache“ im Gepäck. Wieder die Meldung. Ich lächle und sage entspannt: „Nun setzt euch erst mal.“ Zwei Minuten später bricht das Chaos aus. Kinder unter den Tischen, auf den Tischen, hinter der Tafel. Ich spiele schwungvoll Klavier, singe und versuche, locker zu bleiben. So, wie ich es vom Ludwigstein kenne. Nur kommen diese Kinder eben nicht vom Ludwigstein. Sie haben mich kurz gescannt. Das Ergebnis: Kein richtiger Lehrer! Das soll die neue Ordnung sein? Na, dann mal los.

Noch deutlicher wird es in der neunten Klasse. Ich soll deutsche und englische Lieder singen. Nichts funktioniert. Die Vierzehnjährigen hören russischen Punk, meine Beatles wirken da ziemlich onkelhaft. Auch meine sorgfältig gepflegte Jugendlichkeit hilft nichts. Jung sind sie selber. An diesem Freitagmorgen sitze ich wieder in meinem Hotelzimmer, der Tauchsieder steckt in der Tasse, der lösliche Kaffee ist angerührt. Gleich noch einmal 45 Minuten Abstiegskampf in der Neun. Nicht wieder durch diese Klassentür! Ich schaue an die Wand: da hängt das mintgrüne Radio sowjetischer Bauart. Ich hatte es schon ein paarmal kurz an. Der Klang ist dünn und scheppernd, und den gut gelaunten Morgenmoderationen kann ich mit meinem Schul-Russisch ohnehin kaum folgen. Ich drehe trotzdem am Sender-Knopf. Balalaika. Russischer Schlager. Nichts passt. Schon will ich ausschalten, da höre ich Wortfetzen: „… astian Bach, Brandenburgski Konzert Nomjer tri.“ Wie bitte? Bachs drittes Brandenburgisches Konzert, hier, in diesem Stundenhotel? Durch das dünne Lautsprechergitter dringen schon die Streicher: drei Geigen, drei Bratschen, drei Celli. Dieser tiefergelegte, warme Klang.

Heute klingt es vielleicht kitschig. Damals ist es magisch. Die Wärme dringt in mich ein, der Widerstand löst sich in Tränen auf. Diese Klänge er-innern mich im wahrsten Sinn. Sie singen davon, woher ich komme und wohin ich gehöre. Sie bekräftigen, wer ich bin. Und flüstern, dass ich aufhören darf, jemand sein zu wollen.

Zwei Stunden später gehe ich doch in die neunte Klasse. Ich sage: Ihr wollt keine deutschen Lieder, stimmt’s? „Njet“. Englische? „Njet.“ Russische? Auch nicht. Gibt es irgendetwas, was Ihr wollt? „Igrat Futbol!“ – Fußballspielen. Aber das geht jetzt doch nicht. „Njet, aber heute Nachmittag – Wollen Sie mitkommen?“. Auch das noch. Aber: lieber am Ball scheitern als am Klavier. Am Nachmittag treffen wir uns auf dem Platz an der großen Straße. Spiel auf ein Tor. Und wer geht ins Tor? Genau. Die Bälle fliegen mir ans Kinn, ans Knie und in den Magen. Aber etwas ist jetzt anders: nach jedem Volltreffer kommt eine Delegation von zwei oder drei Vierzehnjährigen, hilft mir auf, legt mir die Hand auf die Schulter und fragt besorgt, ob alles in Ordnung ist. Und nach dem Spiel eskortiert mich eine ganze Mannschaft nach Hause.

In meiner dritten und letzten Woche wird es dann etwas absurd. Ich sitze gerade im Lehrerzimmer, als zwei junge Frauen reinlaufen: Ob ich mal kurz mitkommen kann? In der Aula gibt es eine Fortbildungskonferenz für Lehrer des Gebietes Tomsk. Ich werde als westlicher Superpädagoge vorgestellt. Meine Fußballgeschichte hat sich herumgesprochen, ich soll erzählen, um welche Methode es sich handelt. Ich versuche, ein paar angelernte Schlagworte aus dem Pädagogik-Hauptseminar in meine zweite Fremdsprache zu pressen: „situativer Ansatz“ und „schülerzentrierte Perspektive“. Und so. Es klingt vermutlich überzeugend. Nur ist es eine Lüge. Die Wahrheit ist: Ich wusste einfach nicht mehr weiter.

Eine Moral gibt es nicht. Es gibt seitdem 1000 Gedanken zu diesem Erlebnis. Und eine Erfahrungstatsache meines Lebens: Als nichts mehr ging, war da Bach. Das ist so.

Zehn Jahre später geht dann doch einiges. Der Bach, der in Tomsk für mich zu einem inneren Heimatland wurde, wird auf der anderen Seite der Erde einen Sommer lang ein ganzes Universum, im Hier und Jetzt. Wieder an einem ungewöhnlichen Ort: in einem kleinen Universitätsstädtchen im pazifischen Nordwesten der USA. Zwischen rauschebärtigen Hanf-Veteranen und evangelikalen Pastorengattinnen. Mehr davon am nächsten Freitag.

Bach inside/outside: 2 – Bohème

9. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 5
Von Igor Zeller

Freitag, 26. Januar 1990. 23:30 Uhr. Ich sitze vor dem Kamin in der Jugendherberge bei Olpe am Biggesee. Gemeinschaftsraum neben der großen Eingangshalle. Seit heute bin ich hier, mit dem Hochschulchor der Musikhochschule Köln. Erstes Semester. Hinter mir liegen zwanzig Monate Zivildienst in einer Behindertenwerkstatt der Arbeiterwohlfahrt, vor mir die große Freiheit. Wobei sich die zunächst ziemlich klein anfühlt. Ich habe gerade das elterliche Reihenhaus verlassen und wohne in einem winzigen „Wohnklo“ am Südbahnhof in Köln. Das „Bermudadreieck“ rund um die Zülpicher Straße ist eine Straße weiter. Die Musikhochschule wiederum liegt am Eigelstein, dem urkölschen „Veedel“ zwischen Hauptbahnhof und Ebertplatz. Und der Radweg dorthin führt morgens am Rheinufer an der Kölner Altstadt vorbei und abends auch wieder zurück. Ziemlich viel Kneipe, ziemlich mittendrin, ziemlich wenig beschaulich. Und nun also mein erstes Probenwochenende mit dem Hochschulchor. Das Werk: Bachs h-Moll-Messe. Es haben schon Menschen mit weniger ein Studium begonnen.

An diesem Abend sitzen wir im Kaminraum, trinken Kölsch und reden über die großen Sinnfragen des Lebens. Irgendwann ziehen wir mit ein paar Leuten in die große Probenhalle. Dort steht das Klavier, das eben noch das „Gloria“ und das „Et incarnatus“ begleitet hat. Nun wird es reihum anderweitig in Betrieb genommen: Nicht Bach, sondern Beatles und BAP. Dann Tischfußball. Wieder Kaminraum. Wieder Sinn-Gespräche. Später, so gegen 2 Uhr, laufen wir den Waldabhang hinunter Richtung Biggesee. Und so weiter. Am nächsten Morgen Frühstück um acht, Probe um neun. Unseren schlechten stimmlichen Zustand schreiben wir (fälschlicherweise) der fordernden Probentechnik des Chefs zu. Macht nichts, es geht weiter. Das Credo mit seinem hämmernden Puls, jetzt fast besser als „Lady Madonna“ in der Nacht. Das Sanctus, ekstatische Klangflächen, abgedrehter als Pink Floyds „Great Gig in the Sky“. Und am Ende das Dona nobis pacem mit seiner irrwitzigen Steigerung und dem gleißenden Plateau – wozu eigentlich noch „We are the Champions“ von Queen?

Und mittendrin Johannes Hömberg, unser Chorleitungsprofessor. Ein kantiger Westfale aus Bochum. Sperrig, meistens unbequem und ganz sicher kein Kuschelpädagoge. Ein Typ, an dem man sich reiben konnte, reiben musste. Vieles von dem, was er uns vorlebte, wollten wir als junge Leute genau so nicht machen. Und trotzdem hat uns seine Energie geprägt. Wenn ich heute auf Chorleitungsdozentinnen und -dozenten schaue, begegnen mir oft unglaublich smarte, nette, patente und hochkompetente Menschen. Aber diese Reibung an einem solchen Urtyp habe ich später nur noch einmal erlebt: bei meiner letzten Gesangsprofessorin, der großen „Königin der Nacht“, Edda Moser.

Hömbergs besondere Qualität war nicht die musikalische Perfektion. Andere haben mit ihren Chören sauberer intoniert, schöner phrasiert, wieder andere waren erfolgreicher. Seine Verweigerung der Mittelmäßigkeit ging tiefer. Bei ihm war es eine Unbedingtheit, der Musik zu folgen. Als müsste man sich ihr samt ihrem Inhalt auf Gedeih und Verderb aussetzen, statt sie nur zu gestalten oder zu genießen. Es war wie im „Club der toten Dichter“, der in meinem ersten Semester gerade in den Kinos war. Dort wurde Henry David Thoreau zitiert: „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben. Intensiv leben wollte ich, das Mark des Lebens in mich aufsaugen. Um alles auszurotten, was nicht Leben war, damit ich nicht in der Todesstunde inne würde, dass ich gar nicht gelebt hatte.“ Ab jetzt war Bach für mich nicht nur Gemeinschaftsmusik, seine Noten wurden meine tiefen und dunklen Wälder, in die ich pfeifend hineinlief.

Ein paar Jahre später mache ich schon wieder Aufnahmeprüfung: Kirchenmusik in Hamburg. Ich habe zehn Jahre ordentlich in der Gegend herumstudiert und -gefeiert, bin inzwischen Schulmusiker, Sänger, elementarer Musikpädagoge und Diplom-Organist. Nun wäre eine gute Gelegenheit, mal was Zielgerichtetes zu tun. Meine Lebens-Stelle finde ich durch Zufall ausgerechnet als das, was ich ursprünglich nicht werden wollte: Kirchenmusiker. In Ottensen wollen sie nun gerade einen, der „anders“ ist. So kann´s kommen. Meine realistische Gehirnhälfte rät freundlich, aber dringend zum Erwerb auch der formalen Qualifikation. Also wieder Hochschule, berufsbegleitend, dieses Mal allerdings nicht Eigelstein, sondern Harvestehude. Und irgendwas ist an der Alster anders als am Rhein: Nach den Chorproben gehen alle nach Hause – und von Probenwochenende keine Spur! Ich bin fassungslos. Wie um Himmels willen soll man große Musik als Student ohne „Olpe“ begreifen, und sei es auch in Plön, Ratzeburg oder meinetwegen Rotenburg an der Wümme? Heute weiß ich, dass das Quatsch ist. Bach funkt auch auf anderen Frequenzen als auf Starkstrom. Und abgesehen davon: Tischkicker und Nachtwanderung war bei mir mal, heute geht´s zeitig ins Bett. Man lässt halt nach, die Schulter schmerzt auch so schon. Und als Chorleiter gibt es zahlreiche und stichhaltige Gründe, Chor-Geselligkeiten dem Chor zu überlassen. Und doch ist der Ruf der Waldabhänge am Biggesee nie ganz verstummt …

Mit Johannes Hömberg singe ich 1993 dann auch die Matthäuspassion: im Großen Saal des Tschaikowsky-Konservatoriums in Moskau. Unter Bedingungen des Kriegsrechts, es läuft gerade der zweite Putsch gegen Boris Jelzin, das weiße Haus wird vom anderen Ufer der Moskwa beschossen. Beim Schlusschor steht das Publikum in Mänteln in den Reihen und alle klatschen im Rausgehen. Denn Sperrstunde ist 23 Uhr und danach wird jeder, der sich auf der Straße befindet, in Polizeigewahrsam genommen. Im Herbst 1994 habe ich dann mein nächstes, einschneidendes Bach-Erlebnis noch einmal 3500 Kilometer weiter östlich, in Tomsk in Sibirien. Dort hängt in einem merkwürdigen Hotelzimmer an der Wand ein Plastikradio. Mehr davon am nächsten Freitag.

Bach inside/outside: 1 – Gemeinschaftsmusik

2. Oktober 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 4
Von Igor Zeller

20. April 1984, Karfreitag. Ich sitze im Meißnersaal der Jugendburg Ludwigstein im Werratal. 1975, mit sieben, bin ich zum ersten Mal hierher gekommen, „mitgeschleppt“ von meiner Großmutter zu einer musischen Familienwoche von Palmsonntag bis Ostermontag. Seitdem komme ich immer wieder. Der Ludwigstein, ursprünglich eine Ruine, war nach dem Ersten Weltkrieg von Anhängern der Jugendbewegung wieder aufgebaut worden. Die Bewegung entstand um 1900: raus aus den grauen Städten, dem industriellen Alltag und dem, was andere für einen vorgesehen haben. Zurück zur Natur, zur Gemeinschaft, zum Selbermachen. Dieses „Raus aus – zurück zu“ prägt auch die Musik: raus aus dem bürgerlichen Konzertbetrieb, dem romantischen Schwulst und den großen, anonymen Orchestern. Zurück zu alter Musik, Renaissance, Volkstanz und eigenem Musizieren. Genau das erlebe ich hier auf dem Ludwigstein.

Jeden Morgen erstmal Frühsingen im Burghof, dann um neun ein offenes Singen mit allen etwa 150 Teilnehmern. Geleitet wird es von meinem ersten großen Idol, Uwe Hahn, einem Musiklehrer aus Bremen. Nach dem Singen wird gewandert. Nachmittags probt Uwe Hahn mit einem Orchester: vor allem Streicher, darunter fantastische junge Geigerinnen, Bratscher und Cellisten, viele von ihnen Teilnehmer bei „Jugend musiziert“. Geigen kann ich nicht, also darf ich mit meiner Altblockflöte mitspielen. Die Noten werden in bester Schulmusikertradition hingebogen. Und gleich wieder Bach-Gänsehaut: „Air“ aus Bachs 3. Orchestersuite. Zu finden auf gefühlt jeder „Best-of-Klassik“-Platte. Nun muss ich nicht mehr Platten legen. Ich bin mittendrin.

Und dann kommt dieser Karfreitag. Uwe Hahn macht ein Bach-Experiment der besonderen Art: Er legt eine Aufnahme der Matthäuspassion auf den Plattenteller. Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern und der Berliner Singakademie. Eingangschor: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen.“ Der kleine Chor, mit dem er sonst abends Renaissance-Madrigale probt, singt live nur die Choraleinschübe: „O Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet.“ Die sind mir bisher noch nie aufgefallen. Nun bin ich überwältigt. Diese große Aufnahme aus den Boxen und dazu 30 menschliche Stimmen. Ehrlich, nicht perfekt, nicht professionell, aber mittendrin. Große Kunst – und gleichzeitig: Gemeinschaftsmusik.

Noch heute, in meinen gelegentlichen Energielöchern, versetze ich mich immer wieder in den Meißnersaal auf dem Ludwigstein. Der Gedanke der Gemeinschaftsmusik hat mein Leben bestimmt: eine Musik, die alte Fesseln und Konventionen sprengt und ihren Sitz mitten im Leben findet. Die Jugendmusikbewegung stellte sie der „Gesellschaftsmusik“ der Salons und Konzerthäuser gegenüber. Diese Gemeinschaftsmusik als Lebensquelle finde ich, obwohl begeisterter Organist, nicht in der Kirche. Und nicht oben auf der Orgelempore. Also werde ich erst einmal Schulmusiker – auf den Spuren von Uwe Hahn. Als Schulmusikstudent übernehme ich dann zwölf Jahre lang selbst die Singleitung auf dem Ludwigstein. Und noch heute singen die Kinder meiner Kinderchöre Lieder, die ich als Siebenjähriger an der Hand meiner Großmutter dort zum ersten Mal gehört habe: „Der Himmel geht über allen auf“, „Dona nobis pacem“, „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder“. Und Generationen von Kinderchorkindern haben schon den Mayim-Tanz geübt – ein direkter Import aus dem Meißnersaal.

Als Student der Schulmusik in Köln ist mir die Jugendmusikbewegung vom ersten Semester an ständig wieder begegnet. Und heute arbeite ich mit dem Barockorchester Elbipolis zusammen, Teil der Alte-Musik-Bewegung, die eigentlich auch eine Neue-Musik-Bewegung sein will. Wieder dieses „Raus aus – zurück zu“: raus aus der verzopften, fremdbestimmten Musizierweise, zurück und nach vorne zu einer unmittelbaren, körperlichen, lebendigen Art des Musizierens. Die historischen Zusammenhänge sind andere. Aber der Gedanke kommt mir vertraut vor. Als Lehramtsstudent in Köln sitze ich ein paar Jahre nach Uwe Hahns Matthäuspassion wieder mit anderen jungen Menschen in einer musikalischen Gemeinschaft zusammen. Diesmal nicht auf einer Jugendburg, sondern in einer Jugendherberge in Olpe am Biggesee. Die Sechsbettzimmer sind ähnlich. Aber jetzt gibt es Tischfußball, Bier, Beatles, meine erste große Liebe – und dazwischen die h-Moll-Messe. Mehr davon am nächsten Freitag.

Entzauberung – wann, wie, mit wem?

25. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 3
Von Igor Zeller

30. März 2028. Erste Orchesterprobe. Noch ohne Chor. Die Musikerinnen und Musiker kommen zusammen, tolle Profis des Barockorchesters Elbipolis. Viele kenne ich seit Jahren, andere sehe ich zum ersten Mal. Erstes Stück laut Probenplan: „So ist mein Jesus nun gefangen“. Und plötzlich ist da keine Braun Audio 308 mehr. Es ist vor allem: nicht viel Zeit. Sechs Stunden Probenzeit für zweieinhalb Stunden Musik. Das bedeutet, dass man jedes Stück im Prinzip zweimal durchspielen kann, dann muss es konzertreif sein. Nach zwei Takten ist allerdings schon wieder Schluss. Berechtigte Fragen aus dem Orchester: Wie lange will ich die Seufzervorhalte in den Flöten und Oboen gespielt haben? Wie laut soll die Begleitung der Bratschen und Geigen sein? In der Partitur steht un poco p, „ein bisschen leise“ – wie viel ist ein bisschen in der Akustik der Christianskirche? Und wie lang oder kurz sollen die Töne sein, eher breit oder eher gestoßen? Das will und muss das Orchester wissen. Was unter dem Kopfhörer ein einziger großer musikalischer Moment war, wird plötzlich in lauter kleine Entscheidungen zerlegt. Aus Trauer, Wut und Schönheit werden vier einfache Dinge: lauter oder leiser, länger oder kürzer, schneller oder langsamer, höher oder tiefer. Das kann man dem Orchester sagen, so habe ich es im Dirigierunterricht gelernt.

Der Chor besteht aus begeisterten Amateuren, sehr viele ohne Chorerfahrung. Was das Orchester in sechs Stunden regelt, haben die Sängerinnen und Sänger über zwei Jahre erarbeitet. Auch hier hilft meine eigene Begeisterung eher wenig. Sie kann faszinierend sein, gerade für Menschen, die der Matthäuspassion zum ersten Mal begegnen. Aber sie kann sie auch überfordern. Denn bevor wir über die großen Gefühle reden, muss erst einmal der Atem funktionieren. Dafür muss die Grundstimmung gut sein. Dann wird es präzise: Rhythmus und Metrum müssen stabil sein. Das ist weniger Feeling und mehr Bruchrechnung: In eine ganze Note passen vier Viertel und sechzehn Sechzehntel, sonst fliegen wir auseinander. Der Kammerton liegt bei 440 Hertz und nicht bei 439, sonst wird es sehr schnell schräg. Die komplexe Aufgabe: aktiv singen, gleichzeitig aufeinander hören und sehr genau auf die Zeichen des Dirigenten achten. Volle Vitalität und volle Selbstkontrolle. Am Klavier und mit der eigenen Stimme übe ich das seit Jahrzehnten. Immer wieder, Tag für Tag. Aber der Chor ist kein Instrument. Er besteht aus Menschen. Menschen mit Erfahrungen, Erwartungen, Geschichten und Befindlichkeiten. Einer der wichtigsten Sätze für meinen Beruf stammt von Leonard Bernstein: „I love music and I love people.“ Er ist nach wie vor mein Credo. Aber nach dreißig Jahren Chorleiterkarriere weiß ich inzwischen, dass der zweite Teil nicht unbedingt der einfachere ist. Das sind Fragen, die einen nicht verzaubern. Sie entzaubern.

Das Profi-Orchester besteht auch aus Menschen, trotzdem ist die Ausgangslage etwas anders. Es hat das Werk zehnmal öfter gespielt, als ich es gesungen habe. Und hundertmal öfter, als ich es dirigiert habe, nämlich noch nie. Für sie ist es Heimspiel, für mich auf dieser Position Neuland. Sie kommen mit eingerichteten Noten, mit Stricharten, Lautstärkebezeichnungen und Erfahrungswerten. Mit dem Chor kann ich mitlernen, beim Orchester muss ich aus dem Stand funktionieren und klare Vorstellungen haben. Gleichzeitig weiß ich, wie sehr ich von der Kompetenz der Menschen lebe, die vor mir sitzen und im Gegensatz zu mir Klänge produzieren. Die darf ich zuallererst mal nicht bei der Arbeit stören. Sie haben schon etliche Dirigenten scheitern sehen und mit anderen große Momente erlebt, ich bin da eine Durchgangsstation. Sie sind oft genervt von den Mühlen der Institution und haben gleichzeitig einen noch nicht versiegten Spieltrieb. So wie ich. Ich kenne diese Situation nur zu gut. Ich habe selbst lange in der professionellen Gächinger Kantorei Stuttgart unter Hellmuth Rilling gesungen und in Dirigierkursen oft erlebt, wie man als Sänger auf jemanden schaut, der vorne am Pult steht. Dreißig Sekunden reichen manchmal, dann steht die Entscheidung: Schaumschläger oder spannende Type? Lahme Ente oder Energiequelle? Drei Stunden Langeweile und Zähneknirschen, oder drei Stunden neue Inspiration? Und dann fängt man ziemlich schnell an, innerlich einen Papierflieger zu bauen. Oder man richtet sich ein ganz kleines bisschen im Stuhl auf. Hop oder top. Ensembles können allemal auch nicht nett sein, ich war oft genug mittendrin. Heute bin ich der, der vorne steht.

Wenn man genauer hinschaut, merkt man erst, wie viele Zutaten in so einem Projekt zusammenkommen. Dirigieren heißt zuallererst mal: viel, viel Verantwortung tragen. Oder wie Herbert von Karajan sagte: „5 Prozent Inspiration und 95 Prozent Transpiration“. Und ganz ehrlich: eigentlich habe ich das Dirigieren noch nie wirklich gemocht. Ich bin eher der musikalische Instinktfußballer, nicht der Taktikexperte. Am stärksten bin ich, wenn ich mit geschlossenen Augen am Klavier singen kann. An „meinem“ Flügel in der Christianskirche, meiner „Braun Audio 308“ bis heute. Mit jeder Faser „inside“ und selber dicht am Klang, statt mucksmäuschenstill und „outside“ mit den Händen die Luft zu zerteilen.
In den Minuten, bevor ich in der ersten Orchesterprobe aufs Pult steige, denke ich: der Laden muss auseinanderfliegen. Und er wird auseinanderfliegen, ich jedenfalls kann ihn nicht zusammenhalten. Bisher ist es auf wundersame Weise immer anders gekommen. Und mittlerweile weiß ich auch genau, was das alles zusammenhält und das Unmögliche möglich macht – frei nach Bill Clinton: It’s the music, stupid! Warum und wie diese Musik uns berührt, hat immer auch mit uns zu tun. Das ist an diesem Tag der Generalprobe bei allen so, ob Amateur oder Profi. Bevor ich an diesem Tag das Pult betrete, werde ich deshalb gegen die Beklommenheit einige meiner eigenen Berührungspunkte an mir vorbeiziehen lassen, mein „inside“. Der erste führt 1984 auf die Jugendburg Ludwigstein im Werratal. Mehr davon am nächsten Freitag.

Der Zauber: Trauer, Wut und Schönheit

18. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 2
Von Igor Zeller

September 1980:
Da sitze ich also als Zwölfjähriger unter dem Kopfhörer. Und werde hin- und hergeworfen zwischen diesen beiden Chören auf der rechten und linken Seite: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“. Bin gleichzeitig auf Adrenalin und tiefengerührt. Was ist da los?

Da sind zunächst diese beiden Stimmen. Sopran und Alt. Traurig, entsetzt – und wunderschön: „So ist mein Jesus nun gefangen, Mond und Licht ist vor Schmerzen untergangen.“ Sie können nur ohnmächtig zuschauen, wie ein Unschuldiger gefesselt wird. Und dann fährt ihnen der Chor von der anderen Seite dazwischen: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“ In das Klagen plötzlich ein Aufschrei. Als könnten die vielen Stimmen tatsächlich noch eingreifen. Als ließe sich die Gefangennahme durch ihre schiere musikalische Kraft doch noch aufhalten. Chorrufe wie Peitschenschläge. Und dann geht es erst richtig los: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle …“. Die Chöre fliegen mir um die Ohren, die Bässe grollen, die Geigen lodern, die Stimmen zucken.

Aber es sind ja nicht nur die beiden Frauenstimmen, die trauern. Nein, Mond und Licht sind vor Schmerzen untergegangen. Und es ist auch nicht nur ein Chor, der sich auflehnt. Die Hölle selbst eröffnet den feurigen Abgrund angesichts des Verrats. Trauer, Entsetzen, Wut, Vernichtung. Und jetzt kommt das Merkwürdige: Das alles ist unglaublich schön. Schön der klagende Duettgesang von Sopran und Alt, wie sich die beiden Stimmen umeinander legen, sich umarmen und festhalten in der gemeinsamen Klage. Schön auch der Aufschrei des Chores, und dann erst das fetzige Abgehen: „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle!“.

Wenn ich zurückblicke: Für einen Zwölfjährigen Anfang der 80er waren das gewaltige Bilder. Heute kennen alle Harry Potter und „Die Tribute von Panem“. Mächte von außen greifen ein, ganze Welten geraten aus den Fugen, Gut und Böse werden groß und sichtbar. Und es gibt Helden, einen Harry, eine Katniss Everdeen. Menschen, die irgendwie von guten Mächten behütet sind und dem Bösen nicht das letzte Wort überlassen. Vielleicht war die Matthäuspassion für mich damals so etwas wie Fantasy. Nicht die menschlichen Streiter für die Gerechtigkeit greifen zu den Waffen. Es ist der ganze Kosmos, der in Aufruhr gerät. Mond, Licht, Blitze, Donner, Wolken, Feuer, Hölle. Das war Wut, aber sie war anders als das Ho-Ho-Ho chi Minh der 70er Jahre. Sie war Naturgewalt. Und die Klänge waren Rock’n’Roll.

Später habe ich diese Verbindung von Trauer, Wut und Schönheit in der Popmusik ähnlich körperlich wieder erlebt. Trauer in Schönheit bei ABBA: „The Winner Takes It All“. Die metallisch absteigende Klavierlinie zu Beginn und dann in Takt 7 Agnethas melancholische Stimme nur auf Aah … später dann der Aufschrei mit dem Septimsprung im Refrain. Wut in Schönheit bei Gloria Gaynor: „Go on now, go, walk out the door!“. Ein gesungener Rausschmiss aus einer toxischen Beziehung, unterbrochen von einem himmlischen Geigenpart in der Mitte, den heute noch alle mitsingen können. Und doch blieb das Musik des Diesseits. Bach war und ist Kosmos. Nicht einfach nur gewaltig. Nicht einfach nur befreiend. Nicht mal einfach nur existenziell. Heute, nach Jahrzehnten habe ich ein einfaches Wort für diese Musik: Sie ist wahr.

Vielleicht ist auch das ein Teil des Rätsels, warum mich diese Musik damals so getroffen hat. Der Bach auf dem Plattencover war für mich ein Puderkopf aus einer fernen Welt. Perücke, ernster Blick, absurder Hemdkragen. Aber der, der da aus den Lautsprechern kam, war anders. Der ging auf’s Ganze.

Damals wurde ich in diesem Strudel aus Klängen einfach mitgerissen. Heute, fast fünfzig Jahre später, ist alles anders. Ich bin Chorleiter. Heute muss ich diese Klänge selbst hervorbringen, mit Menschen, die ihnen das erste Mal live begegnen. Niemand singt automatisch mit wie bei ABBA. Dafür sehe ich in den Gesichtern viel Respekt vor großer Kunst. Und Beklommenheit angesichts der Anforderungen, die aus meiner Begeisterung und Energie entstehen. Da hilft voll reingehen leider gar nicht – oft hilft Abstand mehr.

Wie groß ist die Entzauberung, wenn man nicht mehr ins Mark getroffen wird, sondern verstehen und verantworten muss? Mehr davon am nächsten Freitag.

Zwischen Biermann und Bach

7. September 2026, Igor Zeller

Auf dem Weg zur Matthäuspassion 2028 – Folge 1
Von Igor Zeller

Begegnet bin ich der Matthäuspassion das erste Mal als Zwölfjähriger. Unter einem dicken weißen Kabel-Kopfhörer vor einer Braun Audio 308-Stereoanlage – damals der letzte Schrei neben orangen Plastikstühlen und braunen Polsterbezügen. Noch nicht in der Originalversion, sondern in Bearbeitungen des Jazz-Querflötisten Chris Hinze – „Sketches on Bach“. Da war viel Sound der 70er und frühen 80er – herzzerreißende Synthi-Orgeln, eine brillante Rhythmus-Combo mit leichtem Bebop-Einschlag, Virtuosität wie bei den Swingel-Singers. Und doch immer wieder diese melancholischen Klangflächen: „So ist mein Jesus nun gefangen“, mit peitschenden Einwürfen des Klaviers: „Lasst ihn, haltet, bindet nicht!“. „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz“. Oder „Wir setzen uns mit Tränen nieder“.

Es ist mir bis heute ein Rätsel, was mich an diese Musik gebunden hat. Hineingewachsen in ein SPD-Elternhaus im Frankfurter Umfeld. Mit einem Vater, der Distanz zu den verschiedensten K-Gruppen (von DKP bis KBW) hielt und deshalb in der Elternschaft meines Kinderladens tendenziell als „Rechter“ misstrauisch beäugt wurde. Mit einer Mutter, die als echtes Offenbacher Arbeiterkind auf dem zweiten Bildungsweg beim Studium der Sozialarbeit an der linken Fachhochschule nur relativ wenig mit maoistischen Sit-ins anfangen konnte. Und stattdessen irgendwie immer ganz bürgerlich im Hinterkopf hatte, wie sie neben ihren spießigen Prüfungen zuhause für die Kinder noch was Warmes auf den Tisch kriegen konnte.

Die musikalischen Hausgötter waren trotzdem Biermann, Süverkrüp und Degenhardt. Die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ kann ich heute noch im Schlaf auswendig aufsagen. Die Matthäuspassion habe ich mir erst später Stück für Stück erarbeitet. Getroffen hat sie mich als Jungen trotzdem bis ins Mark – von irgendwo her. Nach Chris Hinze kam das Original, in einer Doppel-LP mit Ausschnitten, gesungen von den Stuttgarter Hymnuschorknaben unter Leitung von Karl Münchinger. Und zum ersten Mal traten die Texte an mich heran. Zum ersten Mal „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Und ganz besonders wieder dieser, nach dem traurigen „So ist mein Jesus nun gefangen“. Da schlug die Trauer plötzlich um: „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden … Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle – zertrümmre, verschlinge, zerschelle, mit plötzlicher Wut den falschen Verräter, das mördrische Blut!“.

Das war starker Tobak. Und gleichzeitig Teil meiner Lebenswelt aus den 70ern – mit ihren Slogans wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Feuer unterm Arsch verkürzt den langen Marsch“. Mit den Bildern der Gewalt, die mich als Kind geängstigt haben – begonnen bei der Entführung von Peter Lorenz und der Grundschülerfrage an meinen Vater: „Warum befreit die Polizei den denn nicht einfach?“. Und mit einer ersten Erkenntnis, was ein Dilemma und damit unschuldig Schuldigwerden ist. Später dann die Panzerwagen am Frankfurter Flughafen, wenn die Maschine der El Al aus Tel Aviv landete. Das nächste Dilemma dann bei Hanns Martin Schleyer und dem Bußgang von Helmut Schmidt bei dessen Witwe. Und schließlich Mogadischu. Und so sehr die Bilder der menschlichen Gewalt ihren Schrecken in meine Seele getragen haben – das „Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle“ hat mich auch mit einer aufwühlenden Kraft getröstet.




Erklären kann ich mir das alles bis heute nicht. Und nun erarbeite ich als studierter Musiker dieses Werk mit meinem Chor. Und werde es im April 2028 als dann Sechzigjähriger aufführen. Da ist kein Kopfhörer mehr, der mich vor der Welt birgt. Da kann und darf ich mich nicht mehr mitreißen lassen und abgehen, sondern muss mit klaren „Prompts“ diese innere Klanggewalt Materie und Realität werden lassen. In den Bedingungen des Hier und Jetzt.



Ein langer Weg, in den ich Sie in diesem Blog hineinnehmen möchte. Ich habe bis zum letzten Drittel meiner Laufbahn gewartet, bis ich dieses Werk meines Lebens zur Aufführung bringe. Und stehe trotzdem ganz am Anfang. Gehen Sie diesen Weg bis zur Aufführung gerne mit. Jeden Freitag an dieser Stelle.